Lexikon
Euribor: Entwicklung, Kommunaldarlehen und €STR
Euribor-Definition
Der Euribor – ursprünglich „Euro Interbank Offered Rate“ – ist einer der wichtigsten Referenzzinssätze für Finanzierungen und Finanzprodukte in Euro. Er bildet ab, zu welchen Zinssätzen Kreditinstitute unbesicherte Euro-Mittel am europäischen Großkunden-Geldmarkt aufnehmen können.
Der Euribor wird für fünf Laufzeiten veröffentlicht: eine Woche sowie einen, drei, sechs und zwölf Monate. Er dient unter anderem als Referenz für variabel verzinste Kredite, Anleihen, Einlagen und Zinsderivate. Aufgrund seiner Bedeutung für Finanzmärkte und Kreditverträge wurde er von der Europäischen Kommission als kritischer Referenzwert eingestuft. Nach Schätzungen des Administrators EMMI beziehen sich Finanzinstrumente und Verträge mit einem Volumen von mehr als 100 Billionen Euro auf den Euribor.1
Wie wird der Euribor ermittelt?
Der Euribor wird an jedem TARGET-Geschäftstag für die verschiedenen Laufzeiten berechnet und in der Regel kurz nach 11 Uhr veröffentlicht. Verantwortlicher Administrator ist das European Money Markets Institute (EMMI).2
An der Ermittlung beteiligt ist ein Panel aus derzeit 21 europäischen Kreditinstituten, die aktiv am Euro-Geldmarkt teilnehmen. Die aktuelle Zahl und Zusammensetzung der teilnehmenden Institute veröffentlicht das European Money Markets Institute.3 In Deutschland gehören Deutsche Bank und DZ Bank dazu. Anders als früher basiert der Euribor nicht mehr überwiegend auf Einschätzungen darüber, zu welchem Zinssatz Banken einander Geld leihen würden. Heute wird eine hybride, stärker transaktionsbasierte Methode verwendet.
Auf der ersten Berechnungsstufe werden tatsächlich abgeschlossene, unbesicherte Geldmarktgeschäfte ab einem Volumen von 10 Millionen Euro berücksichtigt. Liegen für eine Laufzeit nicht genügend geeignete Transaktionen vor, können unter anderem Geschäfte mit angrenzenden Laufzeiten oder Daten aus vorherigen Tagen herangezogen und rechnerisch angepasst werden. Reine Experteneinschätzungen wurden im Zuge der jüngsten Reformen aus der Berechnung entfernt.4
Die Zinswende seit 2022
Über mehrere Jahre bewegten sich die Euribor-Sätze im negativen Bereich. Mit der geldpolitischen Zinswende der Europäischen Zentralbank änderte sich das Bild ab 2022 jedoch grundlegend. Innerhalb kurzer Zeit stiegen die Referenzzinssätze von negativen Werten auf mehr als 4 %.
Im Herbst 2023 lagen mehrere wichtige Euribor-Laufzeiten zeitweise oberhalb der Marke von 4 %. Damit verteuerten sich auch variabel verzinste Finanzierungen erheblich. Seit 2024 gingen die Euribor-Sätze im Zuge sinkender Inflationserwartungen und mehrerer Zinssenkungen der EZB wieder zurück.5
Inzwischen (August 2026) liegen die kürzeren Laufzeiten wieder unter 2,5 %, während die längeren Laufzeiten weiterhin darüber notieren. Die Werte können sich täglich verändern.6
Bedeutung des Euribors für Kommunaldarlehen
Für Kommunen ist der Euribor insbesondere bei variabel verzinsten Investitions- und Liquiditätskrediten relevant. Der zu zahlende Kreditzins setzt sich üblicherweise aus dem vereinbarten Euribor der jeweiligen Laufzeit und einer festen Marge des Kreditgebers zusammen.
Bei einer vierteljährlichen Zinsanpassung wird häufig der 3-Monats-Euribor verwendet, bei einer halbjährlichen Anpassung entsprechend der 6-Monats-Euribor. Steigt der Referenzzinssatz, erhöht sich beim nächsten Anpassungstermin unmittelbar die Zinsbelastung der Kommune. Bei fallenden Euribor-Sätzen können Kommunen dagegen schneller von niedrigeren Finanzierungskosten profitieren als bei einer langfristigen Festzinsbindung. Die Entwicklung seit 2022 zeigt allerdings, dass variabel verzinste Darlehen erhebliche Schwankungen verursachen können. Bei der Finanzierungsentscheidung sollten Kommunen daher insbesondere folgende Aspekte berücksichtigen:
- mögliche Auswirkungen steigender Zinsen auf Haushalt und Liquiditätsplanung,
- die Höhe und Laufzeit der vereinbarten Kreditmarge,
- die Häufigkeit der Zinsanpassung,
- mögliche Zinsobergrenzen oder andere Sicherungsinstrumente,
- die Aufteilung des Kreditportfolios auf feste und variable Verzinsungen.
Entscheidend ist nicht nur das aktuelle Euribor-Niveau, sondern auch, welche Zinsschwankungen während der gesamten Darlehenslaufzeit finanziell getragen werden können.
Wird der Euribor abgeschafft?
Nach aktuellem Stand ist keine Abschaffung des Euribors zum Jahr 2027 oder unmittelbar danach beschlossen. Der Euribor bleibt der vorherrschende Referenzwert für zahlreiche Kredit- und Anleiheprodukte in Euro. Die europäische Arbeitsgruppe für risikofreie Euro-Zinssätze hat ausdrücklich darauf hingewiesen, dass derzeit keine Einstellung des Euribors geplant ist.7
Seine langfristige Zukunft wird dennoch weiter diskutiert. Gründe dafür sind unter anderem die begrenzte Zahl geeigneter unbesicherter Geldmarktgeschäfte, Veränderungen im Kreis der Panelbanken und die internationale Abkehr von klassischen Interbank Offered Rates. Der Euribor wird deshalb methodisch regelmäßig überprüft und weiterentwickelt. Im Juni 2026 wurde die Berechnungsmethodik erneut angepasst.8
Für neue und bestehende Verträge werden robuste Ersatzregelungen empfohlen. Diese sogenannten Fallback-Klauseln legen fest, welcher Referenzwert und welche Berechnungsmethode gelten, falls der Euribor eines Tages dauerhaft nicht mehr veröffentlicht wird. Eine bloße Formulierung, wonach sich die Vertragsparteien später auf einen neuen Zinssatz einigen, kann bei einer marktweiten Einstellung zu rechtlichen und operativen Problemen führen.
€STR als Alternative und Fallback
Als zentrale risikofreie Referenzrate für den Euroraum hat sich der Euro Short-Term Rate, kurz €STR, etabliert. Er wird von der Europäischen Zentralbank auf Grundlage tatsächlich gemeldeter unbesicherter Übernachtgeschäfte von Banken berechnet und an jedem TARGET-Geschäftstag veröffentlicht.9
Der €STR ist allerdings kein unmittelbarer, wirtschaftlich identischer Nachfolger des Euribors. Während der €STR einen nahezu risikofreien Übernachtzins abbildet, enthält der Euribor für längere Laufzeiten auch Kredit-, Liquiditäts- und Laufzeitprämien. Bei einer Umstellung muss daher gegebenenfalls ein zusätzlicher Spread berücksichtigt werden. Die europäische Arbeitsgruppe für risikofreie Zinssätze empfiehlt €STR-basierte Ersatzsätze für den Fall einer dauerhaften Einstellung des Euribors. Möglich sind sowohl rückblickend aufgezinst berechnete €STR-Sätze als auch vorausschauende Term-€STR-Sätze.10
Für Kommunen bedeutet dies: Bei neuen oder prolongierten variabel verzinsten Darlehen sollte nicht nur der vereinbarte Euribor geprüft werden. Ebenso wichtig ist eine eindeutige Regelung dazu, was bei einer wesentlichen Veränderung oder dauerhaften Einstellung des Referenzzinssatzes geschieht.
Variabel verzinste Darlehen über komuno ausschreiben
Über komuno können Kommunen sowohl festverzinsliche als auch variabel verzinste Investitions- und Liquiditätskredite ausschreiben. Bei variablen Finanzierungen wird der zur Zinszahlungsfrequenz passende Euribor als Referenzzinssatz hinterlegt. Bei einer vierteljährlichen Zinszahlung wird beispielsweise der 3-Monats-Euribor verwendet.
Die standardisierte Ausschreibung erleichtert den Vergleich der eingehenden Angebote. Neben dem Referenzzinssatz können Kommunen insbesondere Margen, Laufzeiten, Zinsanpassungstermine und weitere Vertragsbedingungen gegenüberstellen.
Auf der komuno-Plattform stehen außerdem aktuelle Marktdaten zur Verfügung. Neben verschiedenen Euribor-Laufzeiten können Kommunen dort auch Swap-Sätze für langfristige Laufzeiten einsehen und als Orientierung für ihre Finanzierungsentscheidung nutzen.
Quellen und Studien:
1 Weitere Informationen zum Euribor bei EMMI: https://www.emmi-benchmarks.eu/benchmarks/euribor/
2 Informationen zur Veröffentlichung der Euribor-Sätze: https://www.emmi-benchmarks.eu/benchmarks/euribor/rate/
3 Übersicht der Euribor-Panelbanken: https://www.emmi-benchmarks.eu/benchmarks/euribor/panel-banks/?utm_source=chatgpt.com
4 Euribor-Methodik von EMMI: https://www.emmi-benchmarks.eu/benchmarks/euribor/methodology/
5 Historische Euribor-Daten im Datenportal der EZB: https://data.ecb.europa.eu/data/data-categories/financial-markets-and-interest-rates/financial-market-data/money-markets?layerType=AL
6 Aktuelle Euribor-Werte: https://www.euribor-rates.eu/de/aktuelle-euribor-werte
6 Offizielle Euribor-Datenquelle EMMI: https://www.emmi-benchmarks.eu/benchmarks/euribor/rate/
7 Informationen der ESMA-Arbeitsgruppe zu Euro-Referenzzinssätzen: https://www.esma.europa.eu/benchmark-administrators/working-group-euro-risk-free-rates
8 Aktuelle Euribor-Methodik https://www.emmi-benchmarks.eu/benchmarks/euribor/methodology/
9 Informationen der EZB zum €STR: https://www.ecb.europa.eu/stats/financial_markets_and_interest_rates/euro_short-term_rate/html/index.de.html
10 Empfehlungen zu €STR-basierten Euribor-Fallbacks: https://www.ecb.europa.eu/stats/euro-short-term-rates/interest_rate_benchmarks/WG_euro_risk-free_rates/html/fallbacks_euribor.en.html/
News zu komuno
klartext. komuno trifft Independent Credit View AG, Zürich
Während Kommunen verlässliche Finanzierungspartner und wettbewerbsfähige Konditionen suchen, benötigen Banken und Investoren belastbare Einschätzungen zur Bonität und Entwicklung öffentlicher Schuldner. Genau hier setzt Independent Credit View AG aus Zürich an.
Treffen Sie komuno auf der Bundesarbeitstagung der Kommunalkassenverwalter in Würzburg
Am 24./25. Juni 2026 diskutieren 500 Kommunalkassenverwalter aus dem ganzen Bundesgebiet in Würzburg Lösungen rund um Digitalisierung, Kassen- und Vollstreckungswesen. Die Bundesarbeitstagung findet alle zwei Jahre im Wechsel mit den Landesarbeitstagungen statt – dieses Jahr im Congress Centrum Würzburg. komuno ist bereits zum vierten Mal Partner der Veranstaltung.
